Der Newsticker spuckt aus und wir lesen mit – im Netz. Es fragt sich, was die Nachricht als solches ist. Objektivität existiert ja nun einmal nicht. Also Meinungen allüberall und der Journalist als professioneller Besserwisser. Hetzpresse, gleichgeschaltete Medien, Verschwörungstheorien, die da oben und so weiter und so fort… Diese Litanei ließe sich ellenlang fortsetzen. Der Argwohn ist groß und wird wachsen, wenn alles bleibt, wie es ist.

Nörgler und Besserwisser

Schaut man sich in den Foren von Spiegel Online oder anderen beliebten Onlineformaten um, trifft man nicht nur auf die krudesten Meinungen, auf die laute Minderheit der Nörgler und nicht-professionellen Besserwisser (man fragt sich mitunter, wieso diese dann nicht Journalisten werden, aber hey, das ist ja ebenso wenig ein „anständiger Job“ wie es der des Politikers ihrer Meinung nach ist), man trifft zwischen den Zeilen auch auf das nicht unberechtigte Unbehagen, einer Mauer aus wohlwollender, politisch korrekter Gleichschaltung gegenüberzustehen, gegen die anzulaufen, anzukämpfen, anzuschreiben natürlich zwecklos ist.

Wo ist die Unabhängigkeit?

Das Nachrichtengewerbe steckt in einer Krise, die tiefer geht, als sinkende Werbeeinnahmen, über die immer lautstark gejammert wird. Anders, als in anderen publizistischen Bereichen, gibt es im klassischen Zeitungs- und Magazinformat seit Langem kaum nennenswerte Neugründungen. Sicher, in Deutschland ist die Lageim Zeitungswesen lange nicht so schwierig, wie in anderen europäischen Ländern, in denen viele Publikationen von Industriekonglomeraten gehalten werden oder sich in einer Hand konzentrieren. Die großen, überregionalen Zeitungen und Magazine sind relativ unabhängig. FAZ, Spiegel, Zeit, Süddeutsche oder die genossenschaftlich organisierte taz bilden ein gewisses Spektrum politischer und gesellschaftlicher Orientierung ab: Vom Wertkonservatismus der FAZ bis hin zum ökologischen Sozialismus der taz. Gleichzeitig wird man das Gefühl nicht los, am Ende sei der einzige Unterschied die Einsortierung des Aktuellen, die Meinung.

Ein Blick zu den Nachbarn

Während man sich auch in Kommentaren immer mal wieder selbst versichert, was für einen hohen Stellenwert die journalistische Arbeit und die Pressefreiheit in Deutschland haben, gern mit einem Seitenhieb auf die Nachbarn, meist Frankreich oder Großbritannien, wo man dieses mehr im argen zu sehen vermeint. Dort steht dem “murdochschen” Medienkonzern und seinen Skandalen der Guardian gegenüber, eine der wenigen international bedeutenden, investigativen Zeitungen, die frei ist von übergroßem kommerziellen Druck. Der französischen Zeitungslandschaft, insbesondere “Le Monde”, mehrheitlich im Besitz des Industriellen Familie Lagardère, steht die Neugründung “Mediapart” gegenüber. Eine Internet-basierte Zeitschrift mit klar investigativer Ausrichtung, die sich über ihre Abonnenten finanziert sowie die legendäre Satire-Zeitschrift „Le Canard Enchaine“, die in ihrer stolzen Geschichte wohl mehr politische Skandale aufgedeckt hat, als jede andere europäische Zeitung. In der “Canard” gibt es keine Werbung, die Redakteure sind Gesellschafter, es gibt nur eine rudimentäre Webpräsenz, zudem sitzt die „Canard“ auf einer gut gefüllten Kasse und die Franzosen halten diesem beinahe unmöglichen Fossil der Druckerpresse stur die Treue.

Erziehung durch Leitmedien?

Die Selbstversicherungen, wie gut es um die Medienlandschaft in Deutschland steht, ist also zum großen Teil Spiegelfechterei. Unabhängigkeit ist immer auch kommerzielle Unabhängigkeit, die bei allen werbefinanzierten Medien zumindest eingeschränkt ist. Zudem fühlen sich die „Leitmedien“ dazu ermächtigt, erzieherisch in die Gesellschaft hineinzuwirken, zumeist von einer liberal-modernistischen Stellung heraus, mal ökologisch, mal ökonomisch, mal sozial eingefärbt. Aus dem Stimmenwirrwarr der Meinungen und Analysen, welche den zum Scheitern verurteilten Versuch der objektiven „Nachricht“, immer mehr verdrängen, destilliert sich so am Ende ein gemeinsamer Nenner heraus, der den viel beschworenen „mündigen Bürger“ nicht immer ganz so ernst nimmt und paternalistisch-pädagogische Züge trägt. 

Nachrichten für’s Volk

Nun könnte man behaupten, dass eine Gesellschaft immer die Zeitungen bekommt, die sie verdient. Wer wirkliche Unabhängigkeit will, muss auch bereit sein, dafür zu zahlen, um die Abhängigkeit von Werbeeinnahmen nicht übergroß werden zu lassen. Einen beängstigenden Weg schlägt hier gerade der Springer-Verlag ein – Deutschlands auflagenstärkstes Verlagshaus. Die strategische Ausrichtung, die medialen Inhalte mit einer Art Online-Warenhaus zu verbinden, ist gerade der Schritt, mit dem sich die im Wahn der Gleichzeitigkeit von Meldung und deren Aufbereitung in einen Artikel der Onlineauftritt jeglicher Zeitung endgültig diskreditieren würden. Bei kleineren Onlineformaten ist dies meist – aus kommerziellem Druck heraus – längst der Fall, der Link zu einer Versicherungspolice nach oder neben der Meldung über die Gefahr von Unfällen im Haushalt erscheint zu verlockend und ist unter Umständen höchst lukrativ. Google und andere AddServices tun mit ihren Algorithmen ihr Übriges.

Print vs. Neuen Medien 

Eine größere Stimmenvielfalt und die Möglichkeit der Gründung neuer, unabhängiger Formate auf einem aggressiv besetzten Markt, auf dem es einem Neuankömmling ohne den nötigen finanziellen Rahmen wohl unmöglich gemacht werden würde, sich durchzusetzen, muss also gewollt sein und gefördert werden. Gleichzeitig heißt es aber auch, Pluralität auszuhalten, denn diese verheißt ja gerade, unbequem zu sein, und Standpunkte zu vertreten, die auch abseits des medialen Mainstreams liegen. Das Wichtigste für bestehende und neu zu gründende Zeitungen bleibt im Überlebenskampf der Transition zwischen Print und Neuen Medien gleich: Das sich Einlassen auf journalistische Qualität. Dies kann neben dem Boulevard, mit seinen grell gemalten Bildern, nur in von Fachwissen begleitendem Kontext liegen, der dem Leser einen Mehrwert anbietet, für den es sich zu bezahlen lohnt und der sich der überhasteten Kommentierung eines Ereignisses jenseits der kurzgehaltenen, kühlen Meldung verweigert. 

Engagierte Medien-Köpfe gesucht!

Ein Versuch in diese Richtung ist die Online-Plattform “Krautreporter“. Dieses durch Crowdfunding finanzierte Modell konnte trotz vergleichsweise starker Berichterstattung über die geplante Neugründung kaum das benötigte Geld einsammeln. Erst kurz vor Ende Crowdfunding-Frist kaufte die Rudolf Augstein Stiftung 1.000 Abo-Anteile auf. 500 davon werden jetzt über den Deutschen Journalistenverband (DJV) an Verbandsmitglieder in Ausbildung, also Studenten oder Volontäre, kostenfrei verschenkt. Gut, dass es wenigstens noch ein paar interessiert und engagierte Medien-Köpfe im Land gibt! Ohne diese hätte Deutschland wohl schon längst ausschließlich die Medien die es dann wohl verdienen würde. Dabei gleichen sich die Überschriften heute bereits viel zu sehr.